Mehr Weitblick für Koch und Gast von Wohn- und Designjournalistin Barbara Friedrich

Mehr Weitblick für Koch und Gast

Ohne Dunstabzugshaube über dem Herd wird die Küche einfach wohnlicher. Aber es gibt noch ganz andere Vorteile für das Oben-ohne. Stellt die Wohn- und Designjournalistin Barbara Friedrich fest.

Seit Jahren schon geht der Trend zur wohnlichen Küche. Mit Kochinsel und angrenzendem Essplatz. Gern ein langer Tisch, am liebsten aus Holz. Und auch die gemütliche Eckbank feiert ein Comeback. Dem tragen sogar moderne Polstermöbelhersteller Rechnung.


Die Wände halten längst nicht mehr rundum für Einbauschränke her. Da passt der geerbte antike Schrank ins ansonsten coole Küchenambiente. Oder die Vitrine mit dem Meissener Porzellan der Großmutter. Der teure Weinschrank wird selbstverständlich nicht mit der Küchenmöbelfront verkleidet, sondern zeigt sich und seinen wertvollen Inhalt unverhüllt. Und es darf auch mal eine Skulptur oder ein Bild den Küchenraum zieren.


Die offene Küche mit Kochinsel ist schon deshalb beliebt, weil sie die Lust auf Kochen, Genießen, Gäste bewirten, fördert. Wer will schon noch freiwillig mit dem Gesicht zur Wand arbeiten — und sich den Kopf an einer Abzugshaube stoßen —, während Familie und Gäste einem beim Kochen zuschauen? Wir haben uns so eine große „Wohnküche“ gegönnt. Und eine Dunstabzugshaube über der Kochinsel installiert. Ein Hightech-Instrument aus Edelstahl. Das Beste, was es am Markt gibt. Sagte der Küchenplaner. Das war vor gut acht Jahren. Die mächtige und kräftige Absaugmaschine hängt vorschriftsmäßig 75 Zentimeter über dem Kochfeld. Für meinen Mann und mich kein Problem. Wir sind keine Riesen. Aber wir lieben es, mit Freunden zu kochen. Und wir haben einen Freund, der 192 Zentimeter lang ist. Da ist der Kopf im Weg und der Nacken muss sich beugen. Die Alternative, die (auch) das verhindert, kannten weder der Küchenplaner noch wir, damals Ende 2008. Das nach unten ableitende Dunstabzugssystem direkt neben der Kochstelle war leider noch nicht wirklich bekannt. Schon gar nicht im Piemont, wo die erwähnte Edelstahlhaube überm Kochfeld in der Küche unseres zweiten Zuhauses hängt. Unser saugendes Ungetüm macht verhältnismäßig viel Getöse darum, Gerüche zu inhalieren, die ihm hin und wieder doch abhanden kommen — um durchs offene Treppenhaus nach oben zu wabern. Und wehe die Schlafzimmertüren sind nicht geschlossen. Dann haben wir nächtens noch den Duft der köstlichen Lammkeule, des herzhaften Ossobuco milanese oder vom gedämpften Kabeljau in der Nase. Nun leben wir halt mit der Haube. Aber eigentlich ist ja logisch, dass auf dem 75 Zentimeter Weg von Bräter, Pfanne, Topf zu der von der Decke hängenden Saugmaschine Dampf und Dunst eher verloren gehen können als vom seitlich agierenden System, das nach dem Prinzip der Strömungslehre den Kochdunst gleich dort schluckt, wo er entsteht — und ihn „subito“ nach unten in ein Filtersystem unter der Kochfläche leitet. Dieses zu reinigen, scheint obendrein einfacher und fixer zu gehen, als die mehrteiligen Filterplatten aus der Haube zu heben. Unter Zuhilfenahme einer Leiter, versteht sich — inklusive der Unfallgefahr.


Aber das sind funktionale Aspekte, die ich hier mal nicht überbewerten will. Sonst heißt es wieder: „typisch deutsch“. Immer nur „Form follows function“ im Kopf. Obwohl: Gerade diese Absaugfunktion erlaubt ja eine formale Freiheit für die Architektur und das Interiordesign der Küche. Da kommt der jeweilige Einrichtungsstil, edle Fronten und Arbeitsflächen, in die man schließlich eine stattliche Summe investiert hat, besser zur Geltung. Die persönliche Dekoration natürlich ebenso. Der Blick wird nicht von der dominanten Edelstahl-Haube abgelenkt. Das fast unsichtbar in der Arbeitsfläche eingelassene Absaugsystem erlaubt einen kompletten Überblick, was die Küche ganz nebenbei größer und weiter erscheinen lässt. Und wo die Decke überm Kochfeld haubenfrei bleibt, können schicke Leuchten hängen, die funktionales Licht geben — und dekorativ sein dürfen.

Es ist einfach schön, sich mit den eintreffenden Gästen an der Kochinsel bei einem Aperitif zu unterhalten. Umso schöner, wenn keine deckenhängende Abzugshaube Gespräche (und Köpfe) stört.

Infos

Barbara Friedrich, von
1999 bis 2016 Chefredakteurin
und zuletzt
Herausgeberin von A&W
Architektur&Wohnen,
kennt die Wohn- und
Designbranche seit über
30 Jahren. Sie ist Autorin,
Moderatorin und
in vielen Design-Jurys
engagiert.

Fotos Küchen: Josefine Unterhauser

Foto B. Friedrich: Giovanni Castel